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Wer sich mit Nachhaltigkeit beschäftigt wird schnell feststellen, dass es ein generationeübergreifendes Thema ist. Ein ganz wichtiger Aspekt dabei ist die Verantwortung die wir alle für kommende Generationen tragen. Dieser Generation können wir unter anderem auch gerecht werden, indem wir unsere Kindern ein nachhaltiges Naturverständnis vermitteln.

Über den Autor.

Tom Rüttgers ist Naturpädagoge aus Leidenschaft

Tom Rüttgers ist Natur- und Umweltpädagoge. Er unterstützt uns an dieser Stelle mit einem tollen Bericht, in welchem er aus seiner Erfahrung aus der Praxis berichtet.

Getreu dem Leitsatz des weisen Konfizus: „Sage es mir, und ich werde es vergessen. Zeige es mir, und ich werde es vielleicht behalten. Lass es mich tun, und ich werde es können “ bringt Tom der nächsten Generation unsere Umwelt näher.

Wenn Du mehr über Tom und seine Arbet erfahren möchtest, besuche ihn auf seiner Webseite: www.naturpaedagogik-hattingen.de

In diesem Bericht erfährst Du, welchen entscheidenden Einfluss die Natur auf die Entwicklung eines Kindes nimmt und wie wichtig ein gesunder Bezug zur natürlichen Umgebung ist.

Was ist Natur- und Umweltpädagogik?

Bild: Tom Rüttgers

Im Grunde genommen ist es ein pädagogisches Grundkonzept, welches sich der Natur bedient, damit die Kinder innerhalb der Natur lernen können. Wobei ich hier erstmal die Umweltpädagogik ein wenig ausklammern muss.
Die Natur als Lernort zu nutzen ist keine neue Erfindung in Zeiten des Klimawandels und einem Denken, welches sich dem Motto bedient „Back to the roots“. Also zurück zu den Anfängen. Es ist eine pädagogische Strömung, die erstmals so richtig Ende des 20. Jahrhunderts aufkam.
Die Naturpädagogik richtet sich an jeden und gerade das ist das Tolle. Jeder darf in der Natur mit machen und sich für die Großen und Kleinen Sachen begeistern. Egal, ob Kind oder Erwachsener. In meinen Veranstaltungen erlebe ich es, dass sich jeder für unsere Natur begeistern kann und die Begeisterung ist ein erster Schritt zum Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Natur.
Ich werde häufig gefragt: „was bringt das?“ und ich höre häufig: „Mein Kind darf in der Natur spielen… solange es nicht dreckig wird.“

Welchen Nutzen hat Naturpädagogik?

Einen ganz besonders großen 🙂 Fangen wir am besten vorne an… Ein Kind bewegt sich frei in der Natur und nimmt die Natur mit vielen und im besten Fall mit allen Sinnen wahr. Das heißt, es nimmt die Natur ganzheitlich wahr. Früher oder später wird das Kind auch in der Natur anfangen zu spielen und wenn dies geschieht bewegt sich das Kind im sogenannten Naturspiel. Dies ist ein von mir definiertes Spielprinzip, welches im Grunde das Freie Spiel in der Natur beschreibt. Das Freie Spiel in der Natur fördert viele verschiedene Bereiche der kindlichen Entwicklung: motorische, soziale und persönliche Kompetenzen.

Bild: Tom Rüttgers

Ein Beispiel: ein Kind lernt in einer Kita wie es über eine Bank balancieren kann. In der Natur angekommen, möchte das Kind es ebenso an einem Baumstamm ausprobieren und ist ggf. enttäuscht, da es nicht klappt. Der Hintergrund ist, dass die motorische Fertigkeit deutlich weiter ausgereift sein muss, um über einen Baumstamm zu balancieren als für den Balanceakt über eine Bank. Warum fangen wir dann nicht sofort draußen an? Ein Kind, welches so früh wie möglich an das Freie Spiel in der Natur herangeführt wird, kann schneller grob- und feinmotorische Fertigkeiten erlernen. Es ist bereits durch viele Studien bewiesen, dass ein Kind in der Natur 2/3 der kindlichen Motorik schneller und ausgereifter erlernen kann.

Die Kompetenzerweiterungen sind vielfältig.

Bild: Tom Rüttgers

Die Kinder lernen in der Natur und durch das Naturspiel noch weitere lebenspraktische Fertigkeiten wie diverse Problem-Löse-Strategien. Sie erfahren sich selbst und lernen ihre persönlichen Fähigkeiten kennen, wie z.B. das Vertrauen in die eigene Handlung. Sie lernen motorische Fertigkeiten einzuschätzen und zu reflektieren. Sie lernen darüber eine gewisse Analysefähigkeit, um eigene Handlungen realistisch bewerten zu können. Das Spiel in der Natur ist nicht nur eben spielen. Es hat eine viel größere Bedeutung als das Spiel in geschlossenen Räumen.

„…solange mein Kind nicht dreckig wird!“

Der Wald ist für die Kinder ein riesengroßes Lern-Buffet. Wenn ich einem Kind mitteile, dass es sich jedoch an diesem Buffet nicht vollends bedienen darf, so gleicht es der Aussage: „Hier ist ein tolles Essensbuffet, aber du darfst nicht satt werden!“ Es ist irgendwie ein Widerspruch in sich. Dies gilt auch für die Aussage, dass ein Kind in der Natur spielen darf, aber nicht dreckig werden sollte.

Ich lade die Kinder beim Spiel in der Natur extra dazu sich mal so richtig im Matsch zu wälzen. Es ist die Erfahrung, die zählt. Ist der Matsch kalt oder warm? Ist er ganz geschmeidig zwischen den Fingern oder ist eher körnig? Wie schmeckt wohl der Matsch? Wie riecht er? Ganzheitlichkeit ist nach aktuellen Forschungsergebnissen der nachhaltigste Lernansatz. Konfuzius sagte einst: „erzähl es mir und ich werde es vergessen, zeig es mir und ich werde es vielleicht behalten, lass es mich tun und ich werde es verstehen.“

Ein Kind muss seine Erfahrung selbst erfahren!

Kind mit Lupe in Natur

Ein Kind, welches in der Natur spielen möchte, muss eine Erfahrung selbst erfahren. Die plumpe Wissensvermittlung bringt dem Kind keinerlei Mehrwert.

Ganzheitlichkeit bedeutet dabei, dass das Kind mit seinen Sinnen die Natur erkunden darf und soll. Es darf spüren wie es sich anfühlt, wenn es von oben bis unten matschig ist. Es darf erfahren, wie es ist, wenn es in einen riesengroßen Blätterhaufen springt. Und es darf erfahren wie es sich anfühlt, wenn es sich an einer Brennnessel weh tut. All das sind Erfahrungen, die wir dem Kind nicht mitteilen können. Dafür muss das Kind aber schmutzig werden! Es hat das Recht darauf!

Mit dem Dreck kommt die Verantwortung.

Die Forschung zeigt, dass Kinder, die häufig in der Natur spielen, die Natur als wertvoll ansehen. Das heißt also, dass ein Kind, welches die Natur als wertvoll ansieht, eher dazu bereit für die Natur etwas zu tun.

Ein 10-Monate altes Kind, welches das erste Mal in der Natur spielt, geht mit einer Unbefangenheit in die Natur, die wir von uns nicht kennen. Denn es hat keine Vorurteile, keine Ängste – im Gegensatz zu uns.

Ein 10-Jähriges Kind, welches zum aller ersten Mal in der Natur spielt, wird ängstlich und befangen die Natur erkunden.

Viele Kinder kennen den Wald nur aus dem Fernsehen.

Ein Beispiel aus meiner Praxis. Ich habe ein 6-jähriges Kind kennengelernt, welches aus einem Ballungsraum in NRW kommt. Dieses Kind hat noch nie in seinem Leben einen Wald gesehen. Das Kind kannte den Wald aus Erzählungen, aus Büchern oder aus dem Fernsehen – aber nicht aus eigener Erfahrung. Es hat über seine Eltern, seine Freunde und über andere Menschen verschiedenste Vorurteile gebildet. Bspw. wusste das Kind, dass im Wald Käfer leben (die er noch nie gesehen hat). Diese Käfer waren „widerlich“. Jetzt merkt ihr vielleicht schon den Zusammenhang? Wie kann ich etwas bewerten, wenn ich es nicht kenne? Ist sehr schwierig – so funktionieren jedoch Vorurteile.

Der Verlust von Distanz schafft Nähe.

Mit diesem Kind war ich im Wald. Es hat die Käfer gesehen und ekelte sich. Im Laufe nur weniger Wochen, ging das Kind häufiger in den Wald. Es ging aktiv auf die Suche nach Käfern im Außengelände, weil er sie plötzlich interessant fand. Er merkte, dass die Käfer zwar unbekannt, aber auch interessant sind. Was ich damit sagen möchte: Der Wald oder auch jede andere Naturlandschaft kann dem Kind helfen Distanzen zu diversen Sachen, wie Pflanzen, Tieren oder anderen Lebewesen abzubauen. Der Verlust von Distanz schafft Nähe. Nähe sorgt für eine Beziehung. Diese Beziehung entstand im Laufe weniger Wochen bei dem Kind und dem Wald. Er erkannte, dass es schade wäre, wenn diese Tiere verschwänden. Er hat eine Beziehung aufgebaut. Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine Sorge als er gehört hat, dass es dem Wald nicht gut geht, da unsere Erde sich erhitzt und die Bäume damit nur mäßig zurechtkommen. Er schlussfolgerte, dass es ohne Wald keine Käfer geben könne. Nur so nebenbei: eine sehr schlaue und weitdenkende Schlussfolgerung. Er fing an Schilder mit der Botschaft „rettet den Wald und die Käfer“ zu malen. Er fühlte sich verantwortlich für „seine“ Käfer.

Mit der Nähe kommt das Verantwortungsbewusstsein für die Natur.

Nähe und Beziehung schaffen ein Verantwortungsbewusstsein für die Natur. Wer die Natur kennt, ekelt sich weniger. Dies ist mein Ziel mit den Kindern. Ich möchte Ängste abbauen, damit die Kinder die Einzigartigkeit und die Schutzbedürftigkeit erkennen können.

Ich liebe meine Arbeit, da ich ein Privileg habe: ich darf die Umweltschützer von Morgen erziehen und weiterbilden.

Bildung über Beziehung.

Ich habe es bereits mehrfach beschrieben. Es ist wichtig, dass die Kinder eine Beziehung zur Natur aufbauen. Deswegen lege ich in meiner naturpädagogischen Arbeit immer Wert auf die Arbeit mit der Umwelt und nicht mit den Fakten.

Konkret heißt das, dass ich die Kinder ermutige eigenständig die Natur zu erkunden. Ich möchte noch ein Beispiel erzählen:

Bild: Tom Rüttgers

In meiner Arbeit als Erzieher arbeite ich mit Kindern bis 6 Jahren zusammen. In der Einrichtung fragte mich ein Kind: „Was ist das für eine Biene?“. Ich wusste sofort, dass es eine Erdhummel ist. Ich meldete dem Kind zurück, dass ich es toll finde, dass es eine Hummel gefunden habe und gab sofort die Frage zurück: „Was meinst du, was macht die Hummel hier?“. Ich kam in ein total tolles Gespräch mit dem Kind und wir philosophierten über die Zusammenhänge des Besuchs der Hummel, ihre Lieblingsgerichte zum Essen, über ihren Schlafplatz und ihre Familie. Zum Abschluss griff ich die Frage des Kindes erneut auf, um sie beantworten zu können – beziehungsweise das Kind sich die Frage selber beantworten zu lassen. Das Kind sagte, dass es eine „Blumenhummel“ sei, da sie dauernd auf unseren Blumen sitze. Ich nickte es ab. Es gibt zwar keine Blumenhummel – obwohl es ein toller neuer Artenname sein könnte. Stattdessen erkannte ich, dass das Kind eine Beziehung zu dem Insekt erhalten hat. Das Kind findet die Hummel toll und hat keine Angst davor. Der Grundstein für die weitere Arbeit ist gelegt. 

Neugier wecken: das Wissen lernen die Kinder dann in der Schule!

Natürlich hätte ich sofort mit erhobenem Zeigefinger zum Kind gehen können und sagen: „Das ist eine Erdhummel!“. Meint ihr, ich hätte mit dem Kind fast 20 Minuten über diese Hummel reden können? Ich glaube nicht! Weniger Wissen vermitteln, lieber mehr Nähe zum Objekt schaffen. Das Wissen erhalten Sie in der Schule.

Fazit

Die Natur und konkreter das Naturspiel ist ein wichtiger Baustein in der kindlichen Entwicklung. Über das Medium Natur lassen sich so viele wichtige Kompetenzbereiche in der Entwicklung eines Kindes gezielt und auch alltagsintegriert fördern.

Des Weiteren ist die Begegnung mit der Natur unabdingbar für Kinder, da sie dadurch die Wichtigkeit und Schutzbedürftigkeit der Natur selbst erfahren können. Nur über regelmäßige Begegnungen können die Kinder die nötige Beziehung zur Natur aufbauen!


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